Buttercreme und Utopie

Über Identitätsfindungen, Politikverständnisse und Kindheitstraumata von LOHAS

US-amerikanische SozialforscherInnen haben herausgefunden: Der „Li­festyle of Health and Sustainability“ („LOHAS“) wird die Welt verändern!

Das war im Jahr 2000. Das AutorInnenpaar Ruth Anderson/Paul Ray hatte die Ergebnisse einer 13 Jahre laufenden Langzeitumfrage veröffentlicht. Titel: „The Cultural Creatives“. Das Buch schlug heftig ein im Meinungs­umfragemarkt. Erst drei Jahre später hatten sich die Trendscouts vom „Zu­kunftsinstitut“ von Matthias Horx von den Schockwellen erholt. Auf dem Wege der Introspektion hatten sie an sich selbst bemerkt, daß sie gerne Bio-Futter essen und vom alten politischen Rechts-Links-Schema nichts mehr halten … Daß sie also genau zu jenen „kul­turell Kreativen“ gehören, die Anderson und Ray beschrieben hatten … Wir sind genauso wie die amerikanische Avantgarde! Wir sind selbst LOHAS! … Also flugs ein Buch draus gemacht! Und ganz unbescheiden im Vorwort erwähnen, daß „wir“, wir vom Zu­kunftsinstitut, den Trend „als Erste für den europäischen Markt identifiziert haben“!1

Nun stellen die AutorInnen aber unmißverständlich klar, daß sie hier nicht ein­fach nur ein paar Worthülsen aus der Sphäre des Marketings aneinander­reihen, sondern daß es um mehr geht, um eine große gesellschaftliche Bewegung, um ein neues Lebens- und Menschenbild. LOHAS ist nicht ein Trend unter anderen, kein Lifestyle, sondern eine „Lebensstil-Revolution“! (11) Daß Leute Gesundheit und Nachhaltigkeit zu ihrem Anliegen mach­ten, zeige einen „Mentalitätswandel“, ja, einen „Wertewandel“ in der deut­schen Gesellschaft an. „Fast immer, wenn schwergewich­tige Begriffe wie Gesellschaft und Moral, Individualität und Verantwortung aufgerufen wer­den, steht uns ein grundlegender Wandel bevor…“ (27)

Schwurbelig. Was wandelt denn da? Lesen wir mal genauer hin. „Wenn wir uns in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts über das Doppel ,Wohl­stand für alle und Demokratie‘ definiert haben, dann werden wir uns in na­her Zukunft über eine ,neue Verabre­dung mit der Natur und ein neues Ge­sundheitsideal‘ definieren“ (60). Zugegeben, mit der Wahlkampffloskel „Wohlstand für alle“ kann man heute unter den Bedingungen struktureller Ar­beitslosigkeit nur noch ein müdes Lächeln ernten (was natür­lich über­haupt nichts mit der Frage zu tun hat, ob die For­derung nach einem „Wohlstand für alle“ dadurch obsolet gewor­den ist), aber Demokratie? Sollte das nicht mehr zum Selbstver­ständnis und Verständigungsreper­toire von Menschen des 21. Jahrhunderts gehören? Oder ist den AutorInnen das Leben in einer demokratischen Gesellschaft so selbstverständlich geworden, daß es ihnen ein­fach nicht mehr wichtig ist, über die Realisierungsbedingungen einer Demokratie nachzudenken – heute, da schon die Politikwissenschaft von Post-Demokratie schwafelt? Haben sie ge­nug eigenen Wohlstand und genug demokratische Rechte, daß es ihnen wichtiger geworden ist, eine „neue Verabredung mit der Natur“ zu treffen? Ich glaube, ja.

Was aber soll das überhaupt heißen, eine „neue Verabredung mit der Na­tur“? Kirig/Wenzel: „Unser Verhältnis zur Natur mendelt sich gerade vom strengen Strafgericht des schuldhaften Müll­sortierens zu einer eher lust­vollen und genussreichen Angele­genheit.“ (62) Das klingt witzig,2 aber was heißt es? Woran zeigt sich die neue Lust an der Natur? Die AutorInnen sind Marketing­experten genug, um einer tieferen Kontemplation in den Kom­plex die Deutschen und ihr Verhältnis zur „Natur“ zuvorzukom­men, in­dem sie kurzerhand auf die steigenden Umsatzzahlen der Outdoorbran­che verweisen:

Wo früher der Backpacker-Freak mit vielen Fragen, hohen Ansprüchen und wenig Geld in der Tasche die Läden bevölkerte, klopfen heute immer häufiger seriöse Herren mit Zweireiher und Aktenkoffer an und bewerben sich um Firmenanteile. Die neue Lust am Draußensein hat aus der Out­door-Branche einen modernen Lebensstil gemacht. Hinter dem Hype verbirgt sich eine Sehnsucht: Wirklichkeitshunger, unser Wunsch nach Aktiv­sein in der Natur, eigentätiges Flanieren in der Natur.“ (44)

Könnte es nicht genau umgekehrt sein: Die In­dustrie hat spitz gekriegt, daß sich mit Rucksäcken Geld machen läßt, und redet den Leuten eine „neue Lust am Draußen­sein“ ein, um mehr Rucksäcke zu verkaufen? Für diese Variante spricht, mal abgesehen von der seltsamen Verwechslung von Out­door-Lebensstil und Outdoor-Branche als Lebenstil, der Um­stand, daß die meisten Menschen, die für die Umsatzsteigerun­gen der Outdoor-Industrie sorgen, mit den Outdoorprodukten tatsächlich „draußen“ gar nichts anfangen. (Eine entsprechende Statistik möge jedeR sich googlen. Oder bei sich selbst gucken: Wie viele von meinen Rucksäcken benutze ich denn „draußen“?) Aber wie dem auch sei: Jedenfalls erfahren wir in dem ganzen Buch nichts mehr, aber auch gar nichts mehr darüber, wie man sich die „neue Verabredung mit der Natur“ denn nun zu imagi­nieren habe. Das Geschwurble von „Sehnsucht“, „Authentizität“, „Wirklichkeits­hunger“ wiederholt nur unaufhörlich sich selbst. Beleg? Outdoor-Branche!

Und so geht es mit allen Themen, die in dem Buch abgehandelt werden: Ein paar schicke Wörtlein der LeserIn um die Ohren gehauen, die Be­teuerung, daß es das nun genau sei, was die Neu­artigkeit des LOHAS-Li­festyles ausmache, und als „Beweis“ dann irgendwelche Branchentrends hervorgeholt. Beispiele? Och doch, bitte, die sind lustig!3

Ursprünglichkeit: Die LOHAS sind auf der Suche nach „dem Ursprüngli­chen“, dem „Echten“, „Authentischen“ usw. Woran wird’s fest gemacht? An den gestiegenen Umsätzen der Mineralwasser­industrie! Da wird von der „Sehnsuchtsmarke Volvic“ geschwa­felt, Coca-Cola hat Appolinaris gekauft (oder umgekehrt), und „Wasser-Sommelier“ wird ein neuer Beruf im Gaststättengewerbe … „Die Menschen des 21. Jahrhunderts (besonders die jungen un­ter ihnen) trinken immer weniger Bier“ … wiesu denn bluß, fragen sich die Rumpelwichte, wiesu tut sie su? … „weil sie ge­sünder und balancierter leben möchten.“ Gesünder. Balancierter! (Ja, klar, mit viel Bier intus ist nicht mehr so gut ba­lancieren…) „Gesundheit und Wohlfühlen werden zur Leit­währung“, und: „76 Prozent der Deutschen geben an, dass Gesund­heit sie glücklich macht.“4 Na dann, dann muß da ja was dran sein. Und fragen wir nach dem, was unterm Strich rauskommt: Was trinken die Deutschen, wenn sie glücklich sein wollen? Außer Bier und „Pa­ris Pink“5? Genau: Bionade. Mit Bionade kommen die LOHAS ganz zu sich selbst … „die Marke für die LOHAS … Bionade ist die Brause für den Lebensstil nach der Spaßkultur. … Wäre nur das Wörtchen ,Selbsterfahrung‘ durch die 68er, Esoterik und Psychoboom nicht so blockiert, es träfe genau das, was wir mei­nen.“

Man kriegt nicht raus, was sie nun tatsächlich meinen mit „Selbst­erfahrung durch Bionade“. Sie sagen es nicht offen. Jedenfalls nichts, was irgendwie mit „68“ zu tun hat. (Dazu später mehr.) Vermutlich steckt dahinter nichts weiter als das Exklusivi­tätsversprechen, mit dem Bionade selbst früher er­folgreich seine Klientel generierte … Trink das, und du gehörst zu den Trendsettern! … Heute trinken die LOHAS keine Bionade mehr, obwohl sich an den Zutaten nichts geändert hat. Aber die „Authentizität“ der Marke ist weg.6 Genau deswegen, weil das Gelaber von „Selbsterfahrung“, „Sehnsucht nach dem Authentischen“ usw. anscheinend nichts weiter ist als Marketinggesülze, würde ich von den hier herangezwungenen „Sehn­suchtsräumen“ nicht behaupten, daß es sich um eine „Lebensstil-Revolu­tion“ handelt. Unser Lebensstil besteht im Konsumieren von Waren … immer schon … spätestens seit Beginn des Industriezeitalters … Günther Anders nannte den psychologischen Effekt dieses Lebens im Kreislauf von Warenproduktion und -Konsumption „prometheische Scham“7 … Deleuze/Guattari reden von der schizophrenen gesellschaftlichen Produktion8 … daß einige Waren mit Authentizitätsversprechen/Exklusivitätsversprechen beworben werden, was soll daran „revolutionär“ sein? Aufstieg und Fall der Bionade ist ein Beispiel für gutes und schlechtes Marketing, für sonst nichts. Wer eine Brausemarke zum Getränk des nächsten Jahrhunderts ausruft, ist selbst schon auf die werblichen Verheißungen dieser Marke hereingefallen. Oder kann gar nicht mehr anders als marketingmäßig den­ken: déformation professionelle … Konsumier mich, ich garantier dir ein „authentisches Selbsterfahrungserlebnis“ …

Nicht die „kritischen Verbraucher“ diktieren der Industrie, sondern die In­dustrie labelt ihre Produkte so, daß sich ihre KonsumentInnen als „kritische Verbraucher“ fühlen. Das läßt sich be­sonders gut an der Identitätsbildung/Gruppenidentitätsbildung durch den Konsum von guten/gesunden/fairen Lebensmitteln verdeutlichen:

Nahrung wird zum Symbol für einen Lebensstil, wenn nicht so­gar für ein Lebensmodell und Weltbild, und verschafft auf eine entspannte Weise eine Zugehörigkeit zu einem Kreis Gleichge­sinnter. … Jeder meiner Besuche der Frankfurter Kleinmarkt­halle, dem Genusseldorado der Mainmetropole, ist daher viel mehr als nur ein Einkauf. Hier beziehe ich Position, wenn ich eine Gref-Völsings esse, eine Frankfurter Rindswurst mit über 100-jähriger Geschichte“ … (126 f.)

Mit der Wahl der richtigen Wurst kann man also „Position be­ziehen.“ Auch mit der Wahl der richtigen Unterhaltungselek­tronik. Im Fall der LOHAS heißt das natürlich: Apple.9 Die ob­ligaten Seitenhiebe auf Microsoft dürfen beim Anstimmen der Lobeshymnen auf Apple und den gottgleichen Steve Jobs nicht fehlen:

Während der Microsoftrechner Verzeichnisse erstellt und Daten verwaltet, hilft mir der Apple in Zusammenhängen zu denken … mich und meine Arbeiten besser zu verste­hen.“ Apple-Geräte führen die Autoren auf „neue Wege der Selbstkompetenz“ … „Apple-Computer schmücken unsere Räume, wir lassen sie ger­ne in unsere Privatsphäre hinein, weil sie unser Leben ange­nehmer machen. Das drückt sich eigentlich nicht im mini­malistischen Design aus. Umgekehrt: Es hat damit zu tun, wie der Computer oder der iPod oder das iPhone uns designen.“10

Prä­ziser kann man es gar nicht ausdrücken, daß die LOHAS durch die Produkte definiert werden, die sie konsumieren, und nicht umgekehrt. De­finiert durch Produkte, die irgendwie „besser“ sind. Identitätsbildung durch die Negation von Andersheit, ver­bunden mit dem Gefühl der Superiorität: Natürlich ist eine „Frankfurter Rindswurst mit über 100-jähriger Geschich­te“ besser als Aldiwurst, natürlich ist Apple besser als Microsoft. Und na­türlich fühle ich mich, der durchs Konsumieren zugleich eins-mit-sich-selbst und Teil einer „Gruppe Gleichgesinnter“ wird, als Besserkonsumie­rer, und fühle mich dem Menschen, der das schlechtere Zeug kauft, über­legen: Als selbstkompetenter Prosumer, als vollwertiges Mitglied der neuen „Verantwortungs- und Genusselite“11.

Und so sieht das dann aus:

Im angesagten Notting Hill tauch­ten mit einem Mal SUV fahrende hippe Frauen auf, ge­kleidet in ,engagierten‘ Stella-McCartney-Jacken, die auf ihren vega­nischen Stilettos ba­lancierend Fairtrade-Café-Latte schlürf­ten, um anschließend zum Green-Babyshop oder der Organic Pharmacy auf der King’s Road zu schlendern. Am Abend trifft man diese ,grünen Göttinnen‘ im Duke of Cambridge … [es folgt eine Internet-Adresse], … Englands erstem Bio-Pub… Die weib­liche Inhaberin … trägt Öko-Designerklamotten … empfielt Dr. Hauschka … [Internetadresse] … und trägt ansonsten uralte Ju­welen, natürlich nur aus ethischen Gründen, versteht sich.“12

SUV-Fahren und vegane Stilettos tragen? Kein Problem, denn die Philo­sophie der LOHAS ist „die Philosophie des Sowohl-als-auch“:

Vergnügen und Verantwortung, Ethik ohne moralischen Zeigefinger, Optimismus ohne Utopiegläubigkeit, Idealismus UND Pragmatismus, Spiritualität ohne Glaubenmüssen, po­litisches Bewusstsein ohne ideologisches Lagerdenken, neue Natursehn­sucht ohne dog­matische Überformung.“13

Zu sagen, hier hätten Kirig/Wenzel das Stadium erreicht, wo sie nur noch Unsinn blubbern, reizt mich zwar, aber das würde vielleicht einigen Leser­Innen vorschnell vorkommen. Denn es ist ja nicht unmöglich, diese zum Teil widersprüchlichen Wort­verknüpfungen oder Wortausschließungen in ein Sinngebilde zusammenzufügen … es könnte ja sein, daß sie auf so etwas wie „Ganzheitlichkeit“, ganzheitliches Denken, Yin und Yang hinaus­wollen … und das ist ja nicht per se nur Blödsinn … man muß ja nicht im­mer gleich philosophisch das „große Ganze“ in den Blick nehmen wollen … es gibt „ganzheitliche“ Ansätze, z.B. in der Medizin und in der Pädago­gik, die als Alternativen zu „klassischen“ Theorien auf jeden Fall sinnvoll sind … Tatsäch­lich deutet sich in ihrem Text gelegentlich so etwas an, und zwar in jenen Passagen, in denen näher auf „Frauen“ eingegan­gen wird. „Frauen“ als „Die Hauptantriebskraft der LOHAS-Be­wegung“. Was macht die Frauen dazu? „Eigenschaften wie voraus­schauendes Denken, ganz­heitliche Herangehensweise an Dinge, hohe Aufmerksamkeit für Gesund­heit und das „Große und Ganze des täglichen Lebens“ machen sie zu LO­HAS par excellence“ (14), zur „Bewusstseinselite von morgen“ (163). Wo­her diese „Eigenschaften“ der „Frauen“ kommen, von wo sie den Frauen zugeschrieben werden, Gender-Fragen, stellen die Autoren nicht. Femi­nistische Anliegen kom­men bei ihnen nicht nur nicht vor, sondern werden im Zuge re­flexhafter Abwehrbewegungen gegen politisches Denken über­haupt lächerlich gemacht. Das ganzheitliche Denken der LOHAS-Frauen soll offenbar nicht als Alternative zu herrschenden Machtstrukturen ver­standen werden:

„…längst geht es nicht mehr darum, das Private zum Politikum zu machen, wie es einst das angestrebte Ziel der Neuen Frauen­bewegung war. Heute drehen wir den Spieß wie­der um und inte­grieren das Politikum in unser Privatleben. Selbsterfahrungs­gruppen, in denen über monströse Theoriegebilde und gesell­schaftliche Herrschaftsmodelle diskutiert wurde, sind uns fremd und fern. Auch heute noch treffen wir uns natürlich mit Freundin­nen, um beim Tee Probleme zu wälzen. Das ist so selbst­verständlich, wie es längst wie­der hip ist, dabei das Strickzeug auszupacken. Ob Madonna, Cameron Diaz oder Julia Roberts – sie alle haben sich zu Nadeln und Wollknäuel bekannt. Doch wäh­rend einst das Thema männliche Dominanz im Vordergrund stand, drehen sich heute die Ge­spräche um Karriere, Kinder, Liebe.“ (163)

Nix gegen Karriere, Kinder, Liebe. Nix gegen Stricken. Aber was ist daran „politisch“, wenn es ein bloßes Privatvergnügen bleibt?14 Politikverdros­senheit ist eher das, was da zur Sprache kommt, und dies ist nun mal kei­ne Eigenschaft, auf die die LOHAS irgendeinen Exklusivitätsanspruch hät­ten. Ganz richtig konstatieren die AutorInnen deshalb einen allgemeinen Trend zur „Postpolitik“ bzw. „Mikropolitik“ (Worte wie „Ehrenamt“ oder „Bürgergesellschaft“ sind ihnen allerdings zu schnöde, zu sozialdemokra­tisch…) Wie diese neue Politik des privaten Engagements bei den LOHAS aussieht, erfährt man am Beispiel der Initiave von Prenzelberger Eltern, „Roman Z.“ und „Anna P.“, die für den Kindergarten eine Sauna (!) mitfi­nanzieren. Sehr schön:

Der Lebensentwurf von Roman Z. und Anna P. ist eine Mischung aus Bildungsbürger­tum, Studenten-WG und moderner Neo-Aristo­kratie. Bildungsbürgerlich, weil man sich auf hohe Qualifika­tion und hohes Gehalt verlassen kann. Studenten-WG, weil die Haus- und Familienarbeit (wie natürlich auch die Erwerbsar­beit) zwischen Mann und Frau geteilt wird. Neo-aristokratisch, weil für zeitliche Engpässe und um Abhängigkeiten und Frustra­tionen zu vermeiden, selbstverständlich eine kolumbia­nische Nanny zur Verfügung steht, die die Tochter auch ein we­nig mit Spanisch vertraut machen soll.“15

Das alles sei mitnichten „Neue Bürgerlichkeit / Neue Spießig­keit“, wie einige Kritiker übelwollend schrieben, sondern es zeige lediglich, daß „jun­ge Menschen … plötzlich wieder stär­ker an traditionelle Werte wie Familie, Freundschaft, Treue, und Verlässlichkeit anknüpfen wollen.“ (80). Ja, eben. Es fehlt noch Sauberkeit und Pünktlichkeit, dann wäre der Sekun­därtugendkatalog des germanischen Gartenzwergs perfekt. Apropos: Daß die AutorInnen ihrer Freude Ausdruck verleihen, daß wir seit der Fußball-WM 2006 endlich wieder „stolz auf unser Land“ sein dürfen, und – ähnlich ge­lagert – das neue „Wir-Gefühl“ angesichts des Ratzinger-Festivals („Wir sind Papst!“) preisen, wundert mich da nicht mehr. … Chauvinismus? … nicht als ausformulierter politischer Standpunkt … eher auf „Bild“-Niveau … unterschwellig … also im Ansatz auf jeden Fall!

Dieses LOHAS-Buch aus der Machtsphäre des Horx ist so reprä­sentativ für die unpolitische/unbewußt chauvinistische Gedan­kenflachwichserei der durchschnittlichen deutschen Bioladen­besucherIn, daß es tatsächlich ex­akt erfüllt, was es großtönend verspricht, nämlich: in die „Tiefenschichten dieses Mindsets vorzustoßen“, in den „Sehnsuchtskosmos“ der „morali­schen He­donisten“, „Neo-Ökos“ oder „gesunden Genießer“. In den „Sehn­suchtsraum“ jener Spezis, die von der Industrie seit nunmehr 10 Jahren als spezielle Zielgruppe bearbeitet werden und sich selbst für „kritische Verbraucher“ und für gesellschaftliche „Avantgarde“ halten. Das alles wie gesagt völlig ironiefrei, die AutorInnen bezeichnen sich ganz affirmativ selbst als LOHAS. Und sowas wie Selbstironie oder auch nur kritische Distanz zu ihrem „Gegenstand“ ist ihre Sache nicht.

Bei den Bohrungen in den „Tiefenschichten“ ihres eigenen „Sehnsuchts­kosmos“ legen die Horxianer tatsächlich Fragmente bundesrepublikani­scher Popkultur frei, aus denen sich sowas wie eine Kontrastfolie zu den Präferenzen der neugrünen Besser­konsumenten zusammenkleben ließe … was ist heutigen Er­wachsenen in ihrer Kindheit und Jugend ge­schehen, daß sie „Position“ mit Frankfurter Rindswurst beziehen (müssen)? … Die AutorInnen bohren sich bis in die 70er Jahre, wo sie sich selbst als Kinder kleinbürgerlicher (=biertrinkender) Eltern imaginieren, die sie zur Buttercremetorte und zum Sonntagsbraten gezwungen haben.16 Sie haben das natürlich mitgemacht, denn dem durchschnittlichen bun­desrepublikanischen Wolhlstandskind der 70er ging es ja gut bei seinen durchschnittlich bundesre­publikanischen Normaleltern, warum sollte es gegen die aufbe­gehren? Materiell gut: Kühlschrank da mit allen Segnun­gen der Lebensmittelindustrie drin, Auto vor der Tür, mit dem man an die Adria fahren konnte… und auch mental alles paletti: Fern­sehkiste da mit Kinderprogramm, der Sportschau und der großen Samstagabendunterhal­tungssendung für die ganze Familie.

Stopp! Genau an dieser Stelle rutscht den Autoren der Bohrer ab. Jene Tiefenschicht im „Mindset“ der LOHAS, die historisch wohl als Ära Kohl durchgehen wird, sparen die Generationsar­chäologInnen Kirig und Wenzel einfach aus. Blackout? Würde ja passen…17

Was sagt das über das „Mindset“ der LOHAS aus, wenn hier in diesem ersten Versuch einer theoretischen Selbstvergewis­serung (gut, der Aus­druck ist vielleicht zu hoch gegriffen) jene anderthalb Jahrzehnte, in denen die Bundesrepublik kon­servativ regiert wurde, schlicht und einfach nicht zur Sprache kommen? LOHAS verstehen sich selbst als Optimisten, die be­stimmte Dinge wie z.B. korrekte Lebensmittel wieder ernst neh­men; sie behaupten, die postmoderne ironische Gleichgültigkeit allem und jedem gegenüber hinter sich gelassen zu haben. („Die Ironie hat die Kotztüte er­reicht.“) Gleichzeitig aber denken sie nicht mehr in klassischen politischen Dichotomien (rechts vs. links, Naturschutz vs. Konsum), halten also solche Lagerbildun­gen für ideologische Mystifikationen. Sie verorten sich selbst in einem Raum, in dem sie politischen Dichotomien gegenüber ironische Di­stanz wahren können. Warum? Meine Vermutung ist, daß die Emanzipa­tionsgeschichte, der Bildungsroman von Leuten, die sich heute als LOHAS identifizieren, in genau dieser Ära Kohl zum Stillstand kam. Bei den älte­ren, in den 70ern aufge­wachsenen, unterbrochen, bei den jüngeren, in den 80ern aufge­wachsenen, nie richtig begonnen. Daher müssen die Jahre 1982-1998 ein blinder Fleck in der Selbstvergewisserungsgeschich­te der LOHAS sein. Zwangsläufig.

Emanzipationsgeschichten sind immer Abgrenzungsgeschichten, Aufleh­nungsgeschichten gegen vermeintliche oder tatsächliche Inhaber (politi­scher) Macht. Das naheliegendste Beispiel: Eman­zipation der Kinder durch Infragestellen des Machtanspruchs der Eltern/Lehrer. Es gibt Leute, die immer noch „bloße“ Kinder und nichts weiter als Kinder sind, die also nicht ihrer Kin­der-Rolle entwachsen sind, weil sie nie den Spruch „Unser Vati ist der Beste“ angezweifelt haben. Sie können sich durchaus hie und da über Vati ärgern, sich sogar hie und da über Vati lä­cherlich gemacht haben, aber das ist nie soweit gegangen, daß er dabei nicht immer im Hin­terkopf „der Beste“ geblieben wäre…

Nun waren die (Muttis und) Vatis derjenigen, die in den 60ern groß wur­den, im Großen und Ganzen nicht nur objektiv nicht „die Besten“, sondern im Gegenteil: Sie waren faschistische Drecksäcke. Weshalb die Bildungs­geschichte der „68er“ als Ge­schichte radikaler Infragestellung der damali­gen Machthaber einigermaßen rundlief. Diese Generation hatte emanzipa­torisch soweit zu sich selbst gefunden, daß sie wenigstens (negativ) sa­gen konnte, was sie nicht sein wollte: Nämlich Nazi-Arschlöcher. Ihre eige­nen Kinder aber – die Post-68er – wie sollten sich die wiederum gegen­über ihren elterlichen Machthabern emanzipieren? Die heutigen LOHAS hatten keine Nazieltern, gegen die sie sich auflehnen konnten (denn diese Emanzipationsaufgabe hatte sich ja gerade schon ihre Elterngeneration aufgebürdet), ihre Ab­grenzung mußte sich als Infragestellen derjenigen vollziehen, die selbst schon „die Guten“ waren (nicht „die Besten“, aber „die Guten“). Sich gegen jene zu emanzipieren, die im allgemeinen „ganz ok“ sind, deren größte Bosheit darin bestand, ihre Kinder zu Buttercreme­torte und Sonntagsspaziergängen gezwungen zu haben, ist natürlich un­gleich schwieriger, als gegen echte Nazis.

Haben denn die 68er wirklich nicht mehr ihren Kindern ange­tan als Butter­creme? Doch. Einige waren noch nach 68 politisch aktiv. Sie zersplitterten nach 68 in unzählige Gruppen und Grüppchen, von denen einige spekta­kulär scheiterten (wie die RAF), andere unspektakulär nach langen Siech­tum eingingen (wie die Friedensbewegung). Sie versagten bei allem, was sie positiv erreichen wollten. Und in den Augen der sich von ihnen emanzi­pierenmüssenden Jüngeren war ihren je anders gearteten Mißerfolgen ei­nes gemeinsam: Sie scheiterten bei dem Versuch der Realisierung politi­scher Utopien.

Das, wogegen sich LOHAS richten konnten, um einen eigenen Stand­punkt zu finden, war also nicht „das Böse“, sondern tat­sächlich nur die Buttercremetorte (wenn ihre Eltern unpoli­tisch waren), bzw. das Utopische (wenn ihre Eltern politisch en­gagiert waren). Und von hier aus erklärt sich meine Vermutung, daß die Ära Kohl notwendigerweise ein ausgelassenes Kapitel im Bildungsroman der LOHAS bleiben muß: Denn hier geschah nichts, was den ursprünglichen emanzipatorischen Affekten der kleinen LOHAS neuen Stoff gegeben hätte. Alles, was in den 80ern und 90ern ge­schah, war dazu angetan, die ursprüngliche Ablehnung von Buttercreme und Utopie zu bestätigen. AIDS krempelte die Einstellung zur Sexualität der damals Puber­tierenden völlig um. Was für die Älteren eine Quelle der Lust gewesen war, wurde zu einer Todesfalle. (Aber man konnte eben niemanden dafür verantwortlich machen …) AIDS zeigt mir, daß ich recht damit hatte, Mamis Buttercreme scheußlich zu finden. AIDS war die potenzierte Buttercreme. Der Fall der Mauer war – für diejenigen, die für einen Moment Abstand halten konnten zur grölenden Wiedervereinigungs-Euphorie – nichts weiter als der auf Tagesschau-Format gebrachte Bildbeweis für das Schei­tern der Utopie. Irgendwie toll, aber auch irgendwie scheiße. Und wieder: Niemand war dafür verantwortlich (außer Gorbi, aber den fand man ja gut…) Kurz: Die Ära Kohl hat dazu beige­tragen, daß die LOHAS tatsächlich „zu sich selbst“ kommen, wenn sie Frankfurter Rindswurst/Apple kaufen oder wenn sie für den Kindergarten eine Sauna organisieren – dadurch, dass nichts anderes in dieser Ära propagiert wurde als „Buttercreme ist ungesund“ und „Utopien funktionieren nicht“.

Was ich den LOHAS – so wie sie im Buch von Kirig/Wenzel dar­gestellt werden – anlaste, ist die von ihnen betriebene Pseudo­politik, das Zelebrie­ren dieser Pseudopolitik des Einkaufens „korrekter“ Produkte, mit dem sie die eigene Konsumen­tenexistenz und nichts-weiter-als-Konsumentenexis­tenz ver­drängen. Die Selbst-Labelung als „kritische Verbraucher“, als „Pro­sumenten“, die Fetischisierung von Manufaktum Produkten, Frankfurter Rindswurst und Apple, die Prätention, durch ihre Kaufentscheidungen Ein­fluß auf die Produzenten zu nehmen, ist nichts als Verdrängung der wirkli­chen Machtverhältnisse. Be­hauptet nur, es sei genau umgekehrt: Die Wurstindustrie der ganzen Welt lacht über euch! LOHAS-Identitäten for­mieren ihre Ich-Bildung durch Verdrängung, die sich noch zusätzlich mit der Attitüde der Superiorität verbinden kann. Nichts gegen Frankfurter Rindswurst, aber es ist einfach blöd, über der Kauf von sowas sein Ich zu konstituieren, und frech, sich dabei als was besseres vorzukommen. Viel­leicht kommt sich der Bil­ligwurstkäufer ja selber „schlecht“ vor, schon mal in so was eingefühlt, ihr „gesunden Genießer“, ihr „moralischen Hedonis­ten“?

Von dieser pseudopolitischen Blöd-Frechheit beim Konsumver­halten führt ein direkter Weg zum Politikverständnis der LOHAS. Was einst auf dem Ideal des allgemeinen Wohls fußte, Politik, das, was das Gemeinwesen angeht, wird bei ihnen zur Interessenpolitik. Private Akteure im Dienste ihrer (neuer­dings wieder schicken) Kleinfamilie, das ist nichts weiter als Lobbyismus auf Microebene. Die Utopie wird zur Kindergar­tensauna. Da­her schreiben Kirig/Wenzel ganz richtig, daß LOHAS Idealismus UND Pragmatismus zu verbinden wissen: priva­te Ideale verfolgen UND das nö­tige Know-How dazu haben.

Und es gelingt: In Prenzelberg sprießen die Kindergartensau­nen nur so (für jene Kinder, die kolumbianische Nannys haben, nicht für kolumbiani­sche Kinder natürlich… ), und Apple ver­kauft sich wie Hulle. Hier, nicht da, wo die Kisten zusammenge­baut werden, da springen die Arbeiter von Fox­conn lieber dut­zendweise vom Fabrikdach. Wozu Steve Jobs nichts bes­seres einfiel, als darauf hinzuweisen, daß die Suizidrate bei Foxconn un­ter der Suizidrate amerikanischer Firmen liege, und daß es bei Foxconn Restaurants und Kinos gebe. Mit anderen Worten: Er wun­derte sich, daß überhaupt ein Aufhebens davon gemacht wurde, daß Leute lieber starben als für Apple zu arbeiten. (The Telegraph, 2. Juni 2010.) Wie hieß der Untertitel der Studie von „Cultural Creatives“? – „How 50 Million People Are Changing the World.“ Es funktioniert.

Nachbemerkung: Der Text ist schon ein Jahr alt, das besprochene Buch ist noch älter – Steve Jobs ist tot, die Appleaktien gehen runter; aber ich halte die autoanalytischen Einsichten von Kirig/Wenzel nach wie vor für treffend. Die LOHAS sind ja deswegen nicht von der Bildfläche verschwunden, weil Notting Hill vielleicht gerade nicht so hip ist (ich weiß es nicht) und Solarworld pleite macht.

1 Anja Kirig/Eike Wenzel, Lohas. Bewusst grün – alles über die neuen Le­benswelten, München: Redline Verlag, Finanzbuch Verlag 2009, S. 10. Horx kennt man vielleicht noch als Autor des „Zeitgeistmagazins“ Tempo aus den 80er-Jahren, oder die Älteren als Redakteur vom PflasterStrand… lang ists her … heute jedenfalls: Zukunftsforscher, im Zukunftsinstitut, von ihm selbst gegründet, großer Vorsitzender, auch Vortragsrei­sender, die Vorstände der Konzerne kümmert es nicht, daß seine „Zukunftsforschung“ wissenschaftlich „nicht anerkannt“ ist … die Parteien, für die er in En­quete-Kommis­sionen sitzt, auch nicht … warum sollten sie auch … was schert die Macher denn Wis­sen …

2 Es klingt manches witzig in dem Buch. Ist es aber nicht. „Mit dem Li­festyle of Health and Sustainability verlassen wir die Ära der Postmo­derne, die geprägt war von Spaß­gesellschaft, Comedy-Komödien-Seligkeit, Ironie, Massenmedien, Stefan Raab, Leo Kirch und Harald Schmidt.“ (59) Dazu zitieren sie des letzteren selbstkritisches State­ment aus der „Zeit“: „Die Ironie hat die Kotztüte erreicht.“

3 Ich muß es nochmal betonen, man glaubt es sonst nicht: Das Buch ist kom­plett ironie­frei!

4 Folglich macht es 24 % glücklich, krank zu sein. Nullitäten, solche Sät­ze…

5 Ein Wasser. Hip in Manhattan. Kostet 480 $ das Dutzend, wie die Autoren wissen.

6 Bekanntlich ist Bionade genau in dem Jahr, in dem das Buch erschien, von Dr.Oetker gekauft worden (selber ein Trendsetter, aber einer der 50er Jahre … heute: Großkon­zern mit ganz ganz altbackenem Image), und sofort wars aus mit dem Trendgesettere. Ende der Bionade-Erfolgsgeschichte. 2/3 des Bionade-Umsatzes gingen verloren. (Frankf.Allg.Sonntagszeitung, November 2011). LOHAS trinken das nicht mehr, ob­wohl die gesunden und „balancierten“ Zutaten ja immer noch in der Limo drin sind … offenbar ist das Markenimage wichtiger als das Pro­dukt. Daher ist es auch spannend, wo die LOHAS einkaufen werden, wenn es sich herumgesprochen hat, daß „Manufac­tum“, das Kaufhaus für die guten (wahren, schönen und „authentischen“) Dinge, auf die sie so stehn, eine Marke des Ottoversands ist. (Zu Manufactum singen die Autoren selbstverständlich auch Lobeshymnen, aber das ist mir jetzt zu langweilig zum zitie­ren. Alles sehr redundant in diesem Buch…)

7 Schadet nicht, das „mal wieder“ zu lesen: Günther Anders, Die Antiquiert­heit des Men­schen, München 1956.

8 Deleuze/Guattari, Anti-Ödipus, Frankfurt/M. 1977.

9 Das Buchcover ziert ein iPhone, auf dessen Display Grashalme zu sehen sind.

10 S. 41. Hervorh. von mir.

11 S. 15. Woanders schreiben Kirig/Wenzel, die LOHAS seien „Avantgarde, (je­doch kei­ne Elite)“ (23) … Elite, keine Elite, Avantgarde: scheißegal, schreibs hin, das Buch muß heute nachmittag bei der Druckerei sein!… Auf den Punkt bringts wieder mal die Werbung: Die Marke Hilcona (Fer­tigsuppen usw.) wirbt mit dem Slogan: Für Besseres­ser. Oder, genauer: sie wirbt nicht mit diesem Slogan, sondern sie erzeugt damit die Gruppeni­dentität „Besseresser“. Wer hätte sich nicht beim Bio-Eier-Kauf „besser“ gefühlt als die NachbarIn mit ihren Käfig-Eiern?

12 S. 52 f. Daß das hier ironisch klingt, liegt wahrscheinlich daran, daß sie den Text aus Cosmopolitan o.ä. geklaut haben. (Wer mir das Zitat nach­weist, kriegt eine Flasche Bionade!)

13 S. 16. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.

14 „Das Private ist politisch“ war ja Ausdruck der Forderung, sich klar zu machen, daß die Begrenzung weiblicher Handlungsräume auf das Private selbst ein politischer Akt ist (und zwar ein von politikmachenden Män­nern vollzogener Akt) … und zwar seit Aristo­teles: Politik=Sache der Männer, Hauswirtschaft (Ökonomie)=Sache der Frauen. Die­se Aristotelische Unterscheidung ist selbst ein Politikum, darum ging es! Kirig/Wenzel tun so, als hätte „Das Private ist politisch“ bedeutet, die private Konversa­tion zu politi­sieren, im Privaten über „monströse Theoriegebilde“ zu dis­kutieren. Das wurde zwar auch gemacht, aber das war nicht die primäre Forderung des Second-Wave-Feminis­mus … Kirig hat Politik studiert … weiß sie das nicht? Oder darf sie das im „Zukunfts­institut“ nicht schrei­ben?

15 S. 15. „Ho-Ho-Holzspielzeug!“ singt Rainald Grebe (im Song „Prenzlauer Berg“). The­ma: Gentrification. Im Buch von Kirig/Wenzel natürlich terra incognita.

16 Zur Kennzeichnung des „Wohlstandshedonismus“ der 70er Jahre genügen den AutorInnen exakt diese drei Worte: „Bier, Buttercreme, Sonntagsbraten“ (34).

17 Stimmt übrigens nicht ganz: Was sie noch erinnern aus den fortgeschritteneren 80ern, sind die Tutti Frutti der Fern­seprivatisierung. Es gelingt ihnen aber, eine elegante Volte, den Komplex „TV“ mit der tragischen Figur des Gerhard Schröder kurzzuschließen. (Bir­ne bleibt ausgespart.) Der Schröder sei das letzte Exemplar einer aussterbenden Art, nämlich der Art mit Namen „Fernsehkanzler“. Zielgruppe: Couchpotatos. Gestalt der Ver­gangenheit, sowas. (Gerhard-Bashing geht. Joschka-Bashing wäre naheliegend, ist aber ver­boten, weil: a) Jogger, b) grün, c) alter Frankfurter Kumpel von Horx…) Die Zukunft ge­hört Menschen wie Angela Merkel! Als „Vernetzungskanzlerin“ ist sie die Galleonsfigur des „proaktiven“ Web 2.0-Nutzers … man denke nur an „ihre Gewandtheit beim SMS-Schreiben“… In der Gegenwart angekommen, verfallen die AutorInnen sofort wieder in ihren Marketing-Jargon.)

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Kindergeburtstag

Die Tochter erzählt von einem Kindergeburtstag: „Es gab Cola, Chips, Schokolade, Süßigkeiten, Hähnchennuggets und Pommes mit Ketchup.“ – Was habt ihr denn gespielt? – „Wii, Playstation und Nintendo. Und wir haben Super RTL geguckt!“

Toll! denkt das Mitglied der aussterbenden Klasse des Bildungsbürgertums. Und macht sich Gedanken über den Mangel an konsumkritischem Bewußtsein bei Leuten, die nicht nur eine Spielekonsole, sondern alle am Markt erhältlichen Spielekonsolen kaufen (ohne den Eindruck zu erwecken, daß sie in Geld schwömmen).

Das Exzeptionelle dieses überdosierten Konsumismus bei fehlenden Mitteln muß schon meine Tochter gespürt haben, denn sie berichtete von dem stattgefunden Kindergeburtstag freudig erregt, aber auch ein bißchen verschämt. Wie wenn man nach einem Bacchanal in die Normalität zurückkehrt. Verkatert, peinlich berührt, glücklich.

Die in der Rückschau schöneren Kindergeburtstage waren ja aber tatsächlich jene, bei denen es Schokolade, Süßigkeiten und Cola gab. Kindergeburtstage mit Möhren und Dinkelbrot mochten wir nicht so gern, obwohl es zu meiner Zeit noch einen exotischen Reiz hatte, mit gesunden Lebensmitteln traktiert zu werden. (Die Unterscheidungen, die unsere Eltern trafen, waren weniger an der healthiness des Angebotenen, sondern eher am Image bestimmter Marken orientiert: Es sollte schon Milka sein statt „Ja“-Schokolade, das war man sich als aufstrebender Kleinbürger schuldig.)

Nichtalltäglich mußte es sein. Wir Kinder genossen es jedenfalls, Dinge zu essen und zu trinken, die normalerweise auf dem index victualium prohibitorum standen. Zum ungehemmten Genuß des sonst Verbotenen gehörte auch, daß wir spielen durften, was wir wollten. Es gab kein organisiertes Eierlaufen und keine prämierten Wettkampfspiele. Die pädagogischen Ambitionen der Eltern waren auf ein Minimum reduziert. Nichts Schlimmeres als sendungsbewußte Väter, die immerzu auf der Einhaltung von Regeln bestehen, und am Ende der Meinung sind, die weinenden Verlierer nach dem Fußballturnier müßten eben lernen, daß das Leben kein Ponyhof sei.

Vielleicht ist der gleichzeitige Besitz von Wii, Playstation und Nintendo, gerade bei Leuten, die sich nicht mal eine Konsole leisten können, einfach nur ein Zeichen von Liebe. An ihre Kindergeburtstage wird man sich erinnern.

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„God told me to skin you alive!“ – Nachhaltigkeit als immerwährende Philosophie

Von Übersetzungsfehlern, missionierenden Philosophen und anderen Gefahren

Als ich gefragt wurde, ob ich nicht Lust dazu hätte, ein Blog zu einem Lehrmodul der Online-Akademie der Ebertstiftung zum Thema „Nachhaltigkeit“ zu schreiben, – ich, in meiner Eigenschaft als Philosoph -, überlagerte spontanes Interesse meine natürliche Skepsis. „Aber was soll ich denn ausgerechnet in meiner Eigenschaft als Philosoph dazu schreiben?“, war meine Gegenfrage. Ja, ob es dann da nichts Philosophisches darüber zu sagen gebe? Ob sich nicht Philosophen schon mal zum Thema „Nachhaltigkeit“ geäußert hätten?, wollte mein Auftraggeber in spe wissen.

Das haben sie bestimmt. Aber nicht alles, was Autoren, die als Philosophen etikettiert werden, schreiben, ist dadurch eo ipso etwas „Philosophisches“. Meine speziellen Anforderungen an philosophische Texte sind elitär, weshalb ich mich auch nicht bereit erklärte, selber „etwas Philosophisches“ über Nachhaltigkeit aus dem Ärmel zu schütteln. Breviers oder Ratgeberliteratur mögen zwar Titel tragen wie „Kleine Philosophie des… irgendwas“, aber das hat nichts mit Philosophie zu tun, wie ich sie verstehe. Das sind für mich tatsächlich die „großen Erzählungen“ der „Meisterdenker“, inklusive der Kritik daran. Später viel mir noch Hans Jonas ein, das „Prinzip Verantwortung“. Bewahrung der Natur als Menschenpflicht und so. Das könnte man vielleicht als einen Beitrag zum Thema „Nachhaltigkeit“ zurechtinterpretieren. Aber ich schätze das Buch nicht sonderlich. (Jonas ist nicht gerade ein Meisterdenker, egal wie jetzt konnotiert). Was also tun? Ein Blick in die einschlägigen philosophiehistorischen Lexika bestätigte meine anfängliche Reserviertheit zusätzlich: Nachhaltigkeit ist kein philosophisches Thema. (Philosophische Themen sind: die Wahrheit, das Gute, die Gerechtigkeit usw., in gebührender Abstraktheit…) …heit, keit, gscheit… Also nochmal drüber schlafen…

Und da geschah es: Eines morgens weckte mich Herr Sarkozy aus dem Schlaf, indem er mir versicherte, er werde alles tun für… die Nachhaltigkeit des Euro. Es war kein Traum, es war der Deutschlandfunk, der gerade Sarkozys O-Ton von einem Treffen mit Merkel und Monti übertrug und synchron übersetzte.1

Nachhaltigkeit des Euro?

Von was Sarkozy wirklich sprach, nämlich von der „pérennité de l’euro“, klingt, wenn man es anders übersetzt, etwas besorgniserregender: Es ging offenbar um den Fortbestand des Euro, aber Google übersetzt nun mal das französische „pérennité“ mit „Nachhaltigkeit“, und der Übersetzer des Deutschlandfunks hat das vielleicht einfach nur nachgemacht, wer weiß.

Ich will hier nun gar keine Sprachkritik treiben,2 und auch die „Nachhaltigkeit“ oder der Fortbestand des Euro ist mir als Mitglied der nichtbesitzenden Klasse einigermaßen gleichgültig – ich will hier auf die Assoziation hinaus, die mir der Übersetzungsfehler des Deutschlandfunks, wenn es denn einer war, ermöglichte: Bei Sarkozys „pérennité“ dachte ich, ein Reflex der einst genossenen klassischen Bildung, an das alte Wort von der philosophia perennis. Und da ich trotz allem zusagt hatte, ein Blog zum Thema Nachhaltigkeit zu schreiben, und da man „pérennité“ offenbar ungestraft mit „Nachhaltigkeit“ übersetzen kann, kam mir der Gedanke, ob ich nicht etwas Philosophisches über „Nachhaltigkeit“ herauskriegen könnte, wenn ich mich ein wenig mit der alten philosophia perennis befasse.

Die „immerwährende“ Philosophie. Was ist damit gemeint? Ganz unspezifisch bezeichnet der Ausdruck die Vorstellung, daß es sich bei philosophischen Problemen (die Wahrheit, das Gute, die Gerechtigkeit) um solche handelt, die trotz ihrer jahrtausendelangen Bearbeitung durch die unterschiedlichsten Leute (=„Philosophen“) immer ähnliche Antworten gefunden haben. Nicht immer exakt dieselben, aber zumindest vergleichbare Antworten. Das klingt z.B. auch in der Bedeutung von „Weisheit“ (gr. „sophia“) mit: Einen „weisen“ Menschen kann man sich nicht so recht in einem Wortgefecht mit einem/einer anderen Weisen vorstellen.3 Die Weisen wissen, wie der Hase läuft, und dieses Wissen ist ein gemeinsames Wissen. Lebensweisheit, Menschheitsweisheit, Weltweisheit. Weise sind über den Meinungsstreit oder den Streit wissenschaftlicher Schulen erhaben, sie sind eben nicht klug oder bauernschlau oder „smart“, sondern: weise.

Mit dem Gedanken, Philosophie sei etwas, das einen Kernbestand an immerzu gültigen Antworten auf immer dieselben Grundprobleme berge, (es komme nur darauf an, die unterschiedlichen Formulierungen dieser Antworten entsprechend auf ihr Gemeinsames hin zu interpretieren), bürdet man ihr natürlich einiges auf. Vor allem stellt man damit ihre Wissenschaftlichkeit in Frage, und zwar in dem Sinne, daß man hinsichtlich ihres „immerwährenden“ Kernbestands nicht mehr von einem Wissens-Fortschritt sprechen kann. Ein philosophischer Text von Slavoj Žižek z.B. würde dann im Vergleich zu einem Text von Platon nichts substantiell Neues sagen; oder, im anderen Fall, wenn man Žižek eine spezifische über Platon hinausgehende Modernität zugestehen wollte, würden seine Texte insofern eben nicht zur philosophia perennis zählen können. Entweder ist ein Denken also systemimmanent (und damit nicht originell), oder es ist originell (und damit ein dem System Äußeres.) Die immerwährende Philosophie ist ein abgeschlossenes System. Sie verträgt keine Originalität. Und tatsächlich gibt es Philosophen, die genau diese Vorstellung von Philosophie vertreten: European philosophical tradition … consists of a series of footnotes to Plato.“4Dieser berühmte Satz von Whitehead trifft ziemlich exakt, was diejenigen meinen, die in einem allgemeinen Sinne von „philosophia perennis“ sprechen. Mit der einzigen Einschränkung, daß er, Whiteheads Ausspruch, lediglich auf die europäische Philosophie gemünzt ist. Der Gedanke der philosophia perennis geht aber tatsächlich noch darüber hinaus. Er meint nicht nur die zweieinhalbtausendjährige Geschichte der europäischen Philosophie, sondern alle Weisheit zu allen Zeiten: Auch religiöse, schamanische, buddhistische, hinduistische Lehren gehören zu der einen Weltweisheit, zu der einen immerwährenden Philosophie. Zumindest Eurozentrismus scheint man also denjenigen, die von „philosophia perennis“ reden, nicht vorwerfen zu können. Sie machen keine Aussagen für eine bestimmte historische Epoche oder für eine einzelne geographische Region. Was sie sich vorstellen, ist universal, ein allumfassender Grundbestand unveränderlicher Menschheitsweisheit.

Der Gedanke ist so einfach wie unspezifisch, daß man sich eigentlich wundern muss, warum er in der Geschichte der Philosophie nicht öfters aufgegriffen wurde. Tatsächlich sind ausdrückliche Erwähnungen der „philosophia perennis“ fast so selten wie philosophische Traktate zur Nachhaltigkeit. Ich möchte trotzdem zwei historische Situationen herausgreifen, in denen Vorstellungen der „immerwährenden Philosophie“ virulent wurden, weil ich glaube, daß sie ein relativ präzises Bild davon abgeben, um was es den Leuten geht, wenn sie statische und unversalistische Begriffe wie den einer allgemeinen Menschheitsweisheit benutzen.

Szenario 1: Barock.

Gottfried Wilhelm Leibniz (Hofrat, Akademiepräsident, Diplomat, Erfinder des binären Zahlensystems, überhaupt ein Tausendsassa in allen damals bekannten Wissenschaften) korrespondiert mit Jesuiten, die an der Missionierung Chinas beteiligt sind.5 Korrespondiert fleißig. Über ein Vierteljahrhhundert hinweg. Worum geht es ihm dabei? Ganz klar: Um die Missionierung Chinas selbst. Der Jesuitenorden – eine protestantische Mission gabs noch nicht – verfolgte dabei eine tolerant anmutende und pragmatisch ziemlich erfolgreiche Methode der Christianisierung: Zum Christentum konvertierte Chinesen durften einige ihrer alten religiösen Praktiken (rituelle Ahnenverehrung z.B.) beibehalten. Das war einigen Hardlinern aus den Reihen der Dominikaner und Franziskaner ein Dorn im Auge. Sie behaupteten, die jesuitische Missionstätigkeit würde zu einer Verwässerung der christlichen Lehre führen, zu einer Art christlichem Konfuzianismus. Man braucht kaum darüber zu spekulieren, ob wirklich nur theologische Gründe im Spiel waren, oder ob die theologischen Argumente im „Ritenstreit“ zwischen den älteren, etwas abgehalfterten Orden und dem jüngeren, umtriebigen Orden der „Gesellschaft Jesu“ nicht lediglich die Argumentationsfolie für Machtkämpfe innerhalb des Katholizismus waren: Die katholische Kirche war (und ist) natürlich eine Organisation, innerhalb derer sich unterschiedliche Interessengruppen bekämpfen (in welcher Groß-Organisation wäre das anders?). Jedenfalls siegten im „Ritenstreit“ die konservativen Kräfte: 1704 verbot Papst Clemens XI. die Beibehaltung der chinesischen Riten… 1715 erneuerte er das Verbot und rief die Jesuiten aus China zurück… mit dem Erfolg, daß der chinesische Kaiser Yongzheng 1724 das Christentum verbot. Abgang Jesuitenorden. Mission failed.

Leibniz nun war auf der Seite der Jesuiten gewesen und hatte nach Kräften versucht, deren Position im „Ritenstreit“ zu stützen. Er war der Ansicht, daß die chinesische Philosophie völlig mit der natürlichen Theologie übereinstimme.6 Mit dem Rekurs auf die „natürliche“ oder „wahre“ Theologie greift er eine Argumentation auf, die schon zu Zeiten der Kirchenväter eine Rolle gespielt hatte, nämlich bei der Frage, inwieweit die „heidnische“ Philosophie Platons kompatibel zum Alten und Neuen Testament sei. Ein ganz altes Thema also: Wie kann ich Texte nicht-christlicher Autoren so interpretieren, daß sie zu meinem christlichen Glauben passen? – Indem ich der Offenbarungstheologie, der ja Heiden wie Platon nicht teilhaftig geworden sind, eine theologische Parallelwelt an die Seite stelle. Von der behaupte ich, daß man in ihr durch bloßes Nachdenken, also „ganz natürlich“7 auf dieselben Wahrheiten kommt, wie sie mir selbst (oder den Gründern meiner Kirche) in übernatürlicher Weise geoffenbart wurden.

Nun ist das Bedürfnis, Andersgläubige in den Schoß der eignenen Mutter Kirche zu holen, ja eigentlich die exklusive Antriebskraft religiöser Missionierer. Was treibt jemanden wie Leibniz dazu, sich ihrers Lock-Vokabulars zu bedienen? Antwort: Er ist selbst auf Mission…

Indem er seine Jesuiten-Freunde in ihrer Politik der toleranten Integration chinesischer Riten ins Christentum bestärkt, wirbt er gleichzeitig für die Integrationsfähigkeit seiner eigenen Philosophie. Jedem Barockphilosophen, auch wenn sie – wie Leibniz – von protestantischen Landesfürsten protegiert wurden, waren die möglichen Folgen einer Verurteilung durch die römische Inquisition bewußt: Noch 1688 landeten Leute im Knast von Neapel, die (mit Descartes) die Ansicht vertraten, daß Materie eine ausgedehnte Substanz sei. (Das verträgt sich nämlich nicht mit der Transsubstantiationslehre, nach welcher Christus bei der Eucharistie in Brot und Wein real anwesend ist…) Es ist also nicht ganz weit hergeholt, wenn man sagt, daß es Leibniz nicht ungelegen gekommen sein wird, innerhalb des katholischen Lagers für sich selbst und für die Verbreitung seiner eigenen Philosophie eine Unterstützer-Fraktion aufbauen zu können. Und so dreht sich sein Briefwechsel mit den Jesuiten nicht nur um die chinesische Philosophie (und deren Rom-Kompatibilität), sondern ebensosehr (und eigentlich noch mehr) um die leibnizsche Philosophie (und deren Rom-Kompatibilität).

Was dabei die chinesische Philosophie angeht, so schwankt Leibniz bei ihrer Einschätzung zwischen den Extremen. Er spricht ihr einerseits jegliche Wissenschaftlichkeit ab,8 andererseits scheint er sie als Vorläufer seines eigenen binären Zahlensystems anzusehen.9 Die gemeinsame Klammer der chinesischen und seiner eigenen Philosophie ist jedenfalls die natürliche Theologie, auf die letztlich alles hinauslaufe: Die wahre Philosophie führt zur Gotteserkenntnis – so wie die wahre Theologie und das wahre Studium der philosophisch/theologischen Lehren der „Alten“. Das meistverwendete Leibniz-Zitat aus diesem gedanklichen Kontext stammt aus einem Brief an Nicolas François Rémond, und hier taucht der Begriff „philosophia perennis“ dann auch tatsächlich auf.10 Leibniz hat diesen Ausdruck nicht erfunden, sondern ihn seinerseits von Agostino Steuco übernommen, einem italienischen Bischof und Anhänger der Gegenreformation. Ein katholischer Hardliner, der seinen Text „De perenni philosophia libri X“ in den Dienst der kirchenpolitischen Position Papst Paul III. gestellt hatte.11 Leibniz kannte mit Sicherheit nicht nur Steucos Text, sondern auch den politischen Agitationszusammenhang von dessen Entstehung, und natürlich werden sich auch Leibniz‘ katholische Adressaten darüber klar gewesen sein. Très élégant also vom universalgelehrten Herrn Akademiepräsidenten, einen antimodernistisch konnotierten katholischen Kampfbegriff zum Werbemittel für die eigene Philosophie umzudrehen! Seine Briefpartner werden sehr geschmunzelt haben.

Szenario 2: Kurz nach dem Ende des 2. Weltkriegs.

Aldous Huxley (Autor von „Brave New World“, einem Klassiker des dystopischen Romans, und von „Doors of Perception“, einem Klassiker der Drogenliteratur) beendet ein Buch mit dem Titel „The Perennial Philosophy“. (Seit Steuco hat es sowas nicht mehr gegeben!) Das Buch ist eine Anthologie von taoistischen, buddhistischen, hinduistischen, islamischen und christlich-mystischen Texten, die von Huxley thematisch gruppiert und (kurz) kommentiert werden. Die Themen decken dabei das ganze metaphysische Spektrum ab, sie reichen von „Wahrheit“, „Selbsterkenntnis“ und „Freier Wille“ über „Gott in der Welt“, „Glaube“, „Gebet“ bis zu „Sakrament“ und „Spirituelle Übung“. Huxley legt Wert darauf, daß es sich nicht um eine Anthologie wissenschaftlicher Texte handelt. Das, um was es ihm in diesem Buch geht: die Erfahrung einer göttlichen Realität als Grundlage allen Seins („a divine Reality substantial to the wolrd of things and lives and minds“), ist ihm eben kein Produkt metaphysischer Spekulation, sondern ein Produkt der spirituellen Inspiration. („If one is not oneself a sage or saint, the best thing one can do … is to study the works of those who were“.) Damit nimmt Huxley sich nicht nur selbst als Autor völlig zurück (sein Anteil an dem Buch erschöpft sich tatsächlich im bloßen Kommentieren), er nimmt auch die historische Bedeutung des Begriffes philosophia perennis wieder zurück. Philosophia perennis (= „Natürliche Theologie“ = „Rationaltheologie“) ist bei ihm, anders als bei Leibniz, kein (ergänzendes) Gegenprogramm zur Offenbarungstheologie mehr, sondern wird selbst zu einer Art Offenbarungstheologie. Huxley öffnet der philosophia perennis die Tür zur Mystik, Esoterik und zum Okkulten.

Why?

Huxley hatte 1932 mit „Brave New World“ einen gesellschafts- und wissenschaftskritischen Roman vorgelegt, und später, 1954, wird er mit „Doors of Perception“ einen Avantgardetext der Popkultur verfassen12… weshalb beschäftigt er sich während des gesamten 2. Weltkriegs mit der Kompilation von Erzeugnissen des allerretrogradesten Pantheismus? Weil die Menschheit nach dem Weltkrieg einen allversöhnenden Weckruf nötig haben würde, um sich auf das Gute/Wahre/Schöne, auf die Liebe zur Natur und zu allen Dingen zurück zu besinnen? Und Huxley sich berufen fühlte, der Menschheit dies zu schenken? Naiv, wer so was glaubt. In Wirklichkeit war Huxley, genauso wie Leibniz vor ihm, auf Mission.

1938 hatte Huxley Jiddu Krishnamurti kennengelernt, seines Zeichens Ex-Messias der indisch-theosophischen Gesellschaft. … Schillernd, schillernder, am schillerndsten.

Als 14-Jähriger wurde Krishnamurti („wiedergeborener Krishna“) von einem englischen Theosophen „entdeckt“, und die damalige Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft, Anni Besant, gründete einen Verein, der die Ausbildung des Jungen in England finanzieren und gleichzeitig dazu beitragen sollte, ihn als kommenden „Weltlehrer“ und „neuen Christus“ zu propagieren. Die Propaganda dieses Vereins, des „Orders of the Star in the East“, war übrigens der Auslöser für die Abspaltung der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft unter Rudolf Steiner. Doch nicht nur Steiner, auch Krishnamurti selbst kam mit dem Kult, der um ihn betrieben wurde, nicht mehr klar. 1930, er war inzwischen in Kalifornien angekommen, löste er den „Order of the Star in the East“ auf, verkündete, daß man Spiritualität nur außerhalb religiöser Organisationen erfahren könne, und lebte fortan als Vortragsreisender, eine Lehre (oder besser: Lebenseinstellung) verkündend, die man vielleicht „spirituellen Existenzialismus“ nennen könnte. Wenn man denn wollte.

Diese Bekanntschaft zwischen Huxley und Krishnamurti, dem Antiguru-Guru, dürfte eine Rolle gespielt haben bei dem ein Jahr später erfolgenden Eintritt Huxleys in die „Vedanta Society of Southern California“, einer Ramakrishna-Gruppierung mit Sitz in Hollywood, gegründet von Swami Prabhavanada. Für diese hat Huxley regelmäßig Artikel veröffentlicht (insgesamt 48 bis 1960), Vorträge gehalten und ein Vorwort für die Übersetzung der Bhagavad-Gita geschrieben.

Huxleys „Perennial Philosophy“ ist nicht nur inhaltlich ganz auf Ramakrishna-Linie, sondern wird in seiner ganzen Motivation überhaupt erst verständlich, wenn man sie als Werbebotschaft auffaßt: Huxley wirbt bei seinen (westlichen) Lesern für die vedische Philosophie im allgemeinen und für die Vedanta Society im besonderen. Das haben schon Huxleys Zeitgenossen so sehen können.13

Nun ist natürlich erstmal nichts Verwerfliches daran, wenn jemand für seine Überzeugungen wirbt. Leibniz macht sich für seine Monadologie bei den Katholiken stark, Huxley für seine Meditationsgruppe in Kalifornien. Nichts dagegen. (Ich möchte auch gar nichts Inhaltliches über Leibniz‘ Philosophie oder über die vedische Philosophie sagen. Um eine inhaltliche Kritik daran geht es mir hier ja gar nicht.) Bemerkenswert ist aber, daß Leibniz wie Huxley für ihre Missionen das groß weit maulaufreissend Wort von der „philosophia perennis“ bemühen, daß beide Werbebotschafter in eigener Sache nicht einfach nur in den Raum stellen, daß es sich bei ihren Philosophien um ganz gute/brauchbare Theorien oder von mir aus auch Mythologien oder Okkultologien handelt, sondern daß sie beide die alles umspannende Vorstellung einer „immerwährenden Philosophie“ in Anspruch nehmen. Wie überzeugt muß eigentlich jemand von der eigenen Denke sein, um sich sowas zu trauen?

Und weiterhin ist bemerkenswert, zu welchen Zeitpunkten sie dies tun. Immerhin handelt es sich hier nicht um beliebige Fälle, sondern um zwei der ganz seltenen Situationen, in denen der Begriff der „philosophia perennis“ überhaupt eine literarische Bedeutung bekommt: Am Beginn der Moderne (Leibniz) … und an ihrem Ende (Huxley). Um einen Ausdruck postmoderner AutorInnen aufzugreifen, kann man sagen: Das Zeitalter der „großen Erzählungen“ der „Meisterdenker“ (vom „Fortschritt“ der Menschheit durch Anstrengungen der „Vernunft“) wird eingerahmt von den Bemühungen zweier Männer aus Europa, ihre eigenen religiösen Überzeugungen unter dem Titel einer Philosophie für alle (und für die Ewigkeit) zu verkaufen. Kein Eurozentrismus? Es sind Überredungsversuche, andere Leute in die jeweils eigenen Gedankengebäude zu integrieren, indem gesagt wird, sie seinen ja ohnehin schon immer drin… man kann ja gar nicht anders denken, wenn alle Weisen dieser Welt, egal ob aus China, Indien oder Europa, egal ob sie göttlicher Offenbarung teilhaftig wurden oder nicht, letztlich auf die eine Wahrheit kommen, daß alles irgendwie göttlich ist … Nein, das ist kein Eurozentrismus: Das ist Eurouniversalismus.

Am Anfang und am Ende der Moderne steht eine ganz hinterlistige Form des sog. Autoritätsarguments (argumentum auctoritatis): Irgendeine unbezweifelbare, nicht kritisierbare Letztinstanz (Gott, Buddha, „das Metaphysische“ usw. usw.) sagt, was du zu denken hast, weil alle so denken … auch wenn sie es selbst noch nicht wissen sollten. Leibniz und Huxley meinten es sicher gut. Aber das Gefährliche an ihrer Argumentationsweise, an dem „zwanglosen Zwang“ (Habermas) des Best-Arguments der „philosophia perennis“ ist, daß es seine Anhänger in keiner Weise davor schützt, ihre Überzeugungsarbeit in nackte Brutalität umschlagen zu lassen. Das ist der totalitäre Kern der Leute, die meinen, die Wahrheit mit dem Löffel gefressen zu haben und die Abweichler „retten“ zu müssen. Was, ihr glaubt nicht daran, daß Gott in allen Dingen wohnt? Wir werden euch mores lehren!

Ein Song von den Dead Kennedys, „I Kill Children“, beginnt mit den Worten: „God told me to skin you alive…“: Genau das ist es! Mit der Berufung auf irgendwas Geoffenbartes können die Menschen Gutes tun … oder ihre NachbarIn bei lebendigem Leibe häuten.

Das alles ist nicht übertragbar auf das Thema Nachhaltigkeit? … Oh doch. Begriffe wie „Ökofaschismus“ und „Gesundheitsdiktatur“ sind bereits im Schwange.

2 Tu‘s aber doch: Für das französische Substantiv „pérennité“ gibts kein deutsches Äquivalent. „Fortbestehen“ oder „Fortbestand“ ist eigentlich noch zu schwach. Man müßte schon solche Wort-Ungetüme wie „Immerwährendheit“ oder „Allezeitbestehenbleibendes“ erfinden, um die in der Nominalform sich ausdrückende Gewichtigkeit der Sache angemessen wiederzugeben. „Nachhaltigkeit“ ist schon deswegen zu schwach, weil der entsprechende französische Ausdruck an Babycreme erinnert: „DD“ = „développement durable“. (Sehr schön, mit Mädchen in entsprechend bedruckten T-Shirts, auf: http://www.i-love-dd.fr). „DD“ verhält sich zu „Nachhaltigkeit“ wie die Ente zum Mercedes … oder wie verveine zu Eisenkraut.

3 Das hat mich immer schon an der Szene im „Herrn der Ringe“ gestört, in der sich Gandalf mit Saruman prügelt. Sowas ziemt sich nicht unter „Weisen“.

4 Alfred North Whitehead, Process and Reality, New York 1929, S. 39.

5 Hunderte dieser Briefe sind erhalten geblieben und inzwischen auch auf deutsch veröffentlicht worden: Leibniz, Der Briefwechsel mit den Jesuiten in China (1689-1714), hrsg. v. Rita Widmaier, Hamburg 2006, und: Der Briefwechsel mit Bartholomäus Des Bosses, hrsg. v. Cornelius Zehetner. Hamburg 2007. „Korrespondieren“, das heißt bei den letzten Humanisten um 1700 rum: Sie schreiben drei bis fünf Briefe am Tag. Jeden Tag. Ihr ganzes Leben lang. Und zwar keine 140-Zeichen langen Tweets, sondern richtige Briefe, seitenlang, eng beschrieben. Mit Federkiel, den man alle paar Wörter wieder ins Tintenfass tauchen muss…

6 Das Thema hat ihn nicht mehr losgelassen. Noch in seinem letzten Lebensjahr arbeitet Leibniz an einer Abhandlung: Discours sur la Théologie Naturelle des Chinois. (2002 hrsg. von Wenchao Li und Hans Poser).

7 Weil das Denkenkönnen zur „Natur“ des Menschen gehört (Mensch= „animal rationale“). Deshalb kann man auch statt von „Natürlicher Theologie“ von „Rationaltheologie“ sprechen. Es meint beidesmal dasselbe.

8 „[…]da die Philosophie der Chinesen nie in die Form einer Wissenschaft gebracht worden ist und ihnen […] auch die philosophischen Wörter fehlen, hindert nichts, im guten Sinne aufzufassen, was die Alten bei ihnen über göttliche und geistliche Dinge lehren.“; Briefwechsel mit Des Bosses, S. XCVII.

9 „Fuxi, der vor mehr als 3000 Jahren bei diesen [=den Chinesen] regierte und philosophierte, [hat,] um zu zeigen daß alles von Gott aus dem Nichts hervorgegangen sei, alle Zahlen nur mit zwei Zeichen geschrieben, wobei die eine die Einheit, die andere das Nichts bedeutete.“; Briefwechsel mit den Jesuiten, S. CXXVII.

10 Vgl. Leibniz Brief an Rémond vom 26. August 1714, in: Leibniz, Philosophischen Schriften, ed. Gerhard, 3, 1887, S. 624 f.: „En faisant remarquer ces traces de la verité dans les anciens, ou (pour parler plus generalement) dans les anterireurs, on tireroit l’or de la boue, le diamant de sa mine, et la lumiere des tenebres; et ce seroit en effect perennis quaedam Philosophia.“

11 Wer mehr über Steuco wissen will, lese Charles B. Schmitt: Perennial Philosophy: From Agostino Steuco to Leibniz, in: Journal of the History of Ideas, Vol. 27, 1966, pp. 505-532

12 Der Einfluß dieses Dings ist unabsehbar. Der Titel stammt seinerseits aus einem Gedicht des Prä-Präraffaeliten William Blake („The Marriage of Heaven and Hell“). (Der wiederum dem „William Blake“ (=Johnny Depp) in „Dead Man“ von Jim Jarmusch seinen Namen geliehen hat.) Einigen Quellen zufolge hat Jim Morrison seine Band The Doors nach der Lektüre dieses Gedichts von Blake benannt, nach anderen Quellen war es die Lektüre von Huxleys Bericht über seine Erlebnisse mit Mescalin. Naheliegend, daß Morrison durch Huxley auf Blake gestoßen ist. Interessant ist die Frage, warum Huxleys Mescalin-Buch als möglicher Namensgeber für The Doors neuerdings gerne verschwiegen wird… Keine Macht den Drogen, nicht einmal in der Historiographie des Pop!

13 Vgl. kritisch Chad Walsh: „…since his conversion [to mysticism] he was to be one of a small group in California busily writing books to win as many people as possible over to the „perennial philosophy“ as a way of life.“, Journal of Bible and Religion, 1948, S. 3-12.

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Männer schlagen, Frauen ertragen

Am 7. März 2012 wurde auf arte eine französische Dokumentation von 2009 wiederholt, „Die Herrschaft der Männer“. Kann man sich ansehen auf http://videos.arte.tv/de/videos/die_herrschaft_der_maenner-6449552.html (8.3.2012). Irgendwann kam da ein Mann zu Wort, ein Antifeminist, der davon sprach, daß Männer die Welt formen und verändern und weiterbringen und Frauen sie passiv hinnehmen und das Bestehende bewahren, daß das immer schon so gewesen sei, das Progressiv-Männliche und das Konservativ-Weibliche, und daß er deswegen Antifeminist sei, weil der Feminismus versuchen würde, diese Weltordnung zu zerstören usw. usf. Die filmische Pointe war, daß die Ansichten dieses Mannes mit Einstellungen kontrastiert wurden, die Frauen zeigten, die von ihren Partnern verprügelt worden waren. Die Bilder gaben der These des Antifeministen Recht: Hier konnte man sehen, wie der Mann die Welt „formt“ und die Frau „es hinnimmt“.

Kritische LeserInnen werden jetzt natürlich einwenden, daß es verschiedene Arten gibt, „die Welt“ zu „formen“. Es ist doch wohl ein Unterschied, ob beispielsweise ein Acker gepflügt wird oder ob ein Mensch grün und blau geschlagen wird. Es sollte doch wohl differenziert werden zwischen konstruktiven und destruktiven, zwischen gewaltfreien und gewalttätigen Eingriffen in die „Welt“. Und die „weltformende Natur“ der Männer pauschal als gewalttätig abzustempeln, indem man Bilder von Frauen als Opfern häuslicher Gewalt bemüht, sei den Männern gegenüber unfair. Nicht alle Männer sind gewalttätig.

Ja. Es gibt Eingriffe in die Welt, „Formungen“, die an den Grenzen des Körpers eines anderen Menschen halt machen, und es gibt Eingriffe, die das nicht tun. Männer können konstruktiv Welt formen oder auch destruktiv. Männer? Nein, schon bei Kindern kann man das unterscheiden. Ganz kleine Kinder können einen Sandhaufen bauen oder sich mit der Schaufel auf den Kopf hauen. Jungen und Mädchen. (Wer hier widerspricht, hat noch keine Kinder eingehend beobachtet.) Und auch Frauen können destruktiv „die Welt formen“ und Gewalt ausüben – gerade Antifeministen halten nicht hinterm Berg, wenn es darum geht, auf Formen weiblicher Gewalt hinzuweisen -, genauso wie sie konstruktive Welteingriffe ausüben können.

Will man also dem Antifeministen aus dem arte-Film beispringen, indem man zwischen gewalttätiger und gewaltfreier Machtausübung unterscheidet, und ihm unterstellt, daß er nicht sagen wollte, daß das Männliche das prügelnde Prinzip und das Weibliche das verprügelte Prinzip sei, weshalb die seiner Rede unterlegten Bilder von geschlagenen Frauen ungerecht seien usw., so verliert seine Behauptung angesichts der alltäglichsten Lebenserfahrungen an einem beliebigen Sandkasten jegliche Glaubwürdigkeit.

Wenn er aber mit seiner Behauptung vom Mann als Welt-Former und von der Frau als Welt-Erleidender sagen wollte, daß unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen es nun mal so ist, daß Männer in der Regel eher zuschlagen und Frauen in der Regel eher die Geschlagenen sind, dann gibt es dafür wenigstens eine empirische Grundlage, und dann sind die Bilder von den geschlagenen Frauen nicht manipulativ oder ungerecht dem Antifeministen oder den Männern gegenüber, sondern schlicht und einfach exakt.

Ich würde also nicht über Sprüche wie „Männer formen die Welt, Frauen bewahren sie“ lachen oder sie als überkommenen Opa-Quatsch abtun. Denn wenn sie überhaupt einen Sinn haben, dann bedeuten sie: „Männer schlagen, Frauen ertragen.“ Und damit sind sie wahr.

Und jetzt kommt die Nagelprobe:

Liebe Männer: Wenn ihr Frauen wärt – würdet ihr nicht mit Freuden dem Antifeministen eins auf die Fresse geben?

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Whitney wird nie Crossroads singen

Jetzt ist sie noch einmal auf allen Titelblättern, sie hat nichts mehr davon: Whitney Houston, gestorben in einer Badewanne in Beverly Hills, 48 Jahre alt.

I went down to the crossroads, fell down on my knee…                                                       Down to the crossroads, fell down on my knee…                                                                       Ask the Lord up above for mercy, take me if you please…

Ein Kneipenwirt, der gerne Bluesplatten auflegt, fragte mich neulich, ob ich das Stück kenne, das da gerade laufe. Naja, Crossroads von Robert Johnson, wer kennt das nicht? – Ja, schon klar, das hat ja so ziemlich jeder schon gespielt, sehr originell meine Antwort, aber das meine er nicht, ob ich wüßte, wer da singe? Hm. Nee. Ist vom Sound her eine aktuelle Aufnahme, so leicht überproduziert-kristallin, aber die Sängerin…? (Klang gut, ziemlich gut, ein bißchen wie Janis und ein bißchen wie Aretha…Etta James? Nee.) Keinen Schimmer.

„Cindy Lauper“, sagte der Wirt und stiefelte von dannen, grins, grins.

Cindy Lauper. Die mit „Girls just wanna have Fun“. Mensch! Klingt ja gar nicht mehr wie eine Quietschente, klingt ja wie eine echte Frau, die singen kann!

Meine Begleitung zückte sofort ihr schwarzes Gerät, auf dessen Display man mit dem Finger rumrutschen kann, ihr wisst schon, und recherchierte Cindy Laupers Alter. Achtundfünfzig. Zehn Jahre älter als Whitney Houston. So lange schon her jene Klassenfahrt, auf der „Girls just wanna have fun“ rauf und runter gespielt wurde?

Ja, und die MusikerInnen unserer Kindheit/Jugend altern mit uns… wenn sie nicht gerade dem Club 27 angehören, dessen frühestes Mitglied eben jener Robert Johnson sein dürfte … und dessen vorerst neuestes Mitglied Amy Whinehouse ist.

Sie altern mit uns… oder sterben…

Lange Zeit (when I was young) dachte ich, Rock/Pop ist nur was für junge Leute, also für Typen wie mich selbst. Und die Musiker sind genauso alt, oder nur ein bißchen älter, ewig unter-30-Jährige. Es hätte mich irritieren müssen, daß schon mein Vater Platten hatte, die ich mit sieben oder acht zu hören begann, und die mich unmittelbar „ansprachen“, ich hab aber nicht darüber nachgedacht. Die Musiker waren so alt wie mein Vater selbst oder gerade gestorben (Elvis).

Dass Rock/Pop-Musik Kindersache oder höchstens Sache der Jugend sei, ist selbst ausgemachter Kinderquatsch. Das Gemurmel um jenen Club 27 gehört natürlich zu diesem Quatsch dazu: Eine Liste von jung gestorbenen MusikerInnen ist Nahrung für den Mythos von Rock und Jugend.

Nein, es ist mehr als Kinderquatsch: Naheliegend, dass der Mythos von der unlösbaren Verquickung von Rock und Jugend den HörerInnen von Rock/Pop erzählt wird, damit sie sich weiterhin jung vorkommen, wenn sie Produkte der Musikindustrie konsumieren. (Der Mythos als Verkaufsargument.) Ich kenne keinen andere Ware, auf die Kinder wie Erwachsene gleichermaßen abfahren, wie Rock/Pop. Alles übrige Kinderspielzeug ist eben genau das: Kinderspielzeug; keinE ErwachsenE käme auf die Idee, nochmal „richtig“ mit Playmobil zu spielen (es sei denn, sie hat selber Kinder, und die zwingen sie dazu) … aber: die alten Platten hören? – Kein Problem! Mit nostalgischem Augenzwinkern zwar, aber… die Musik funktioniert generationenübergreifend, oder genauer: sie funktioniert als dauerhaft kosumierbares Gut bei den Leuten, während deren eigenes Leben die Generationen übergreift. Wir mochten die Musik schon, als wir Kinder waren, und mögen sie immer noch, immer wieder.

Nun ist es natürlich gar nicht weiter schlimm, wenn erwachsene Menschen beim Anhören von Rock/Pop nostalgisch werden oder infantil. Schlimm wird es nur, wenn man die kindische Identifikation von Rock und Jugend alternden MusikerInnen zum Vorwurf macht. (Dazu neulich Sibylle Berg auf Spiegel Online (11.2.2012), mit dem Schwerpunkt auf der sexistischen Variante des Themas.) Dabei tut man nicht nur ihnen, sondern auch der Entwicklung des eigenen Musikgeschmacks unrecht, wenn man ehemaligen JugendheldInnen wie Cindy Lauper nicht zugestehen will, daß sie über die Hits der 80er hinausgereift sind (tatsächlich gefiel mir „Girls just wanna have fun“ damals ganz gut, obwohl mein persönlicher Musikgeschmack anders gelagert war. Aber „Crossroads“ der 58-jährigen Cindy Lauper ist wirklich besser!)

Die Nachrufe, die jetzt auf Whitney Houston ausgebracht werden, können natürlich nicht auf den Club 27 verweisen oder sonstwie den Mythos von der Jugendlichkeit des Rock/Pop stärken. Und sie können nicht die gealterte/gereifte Whitney evozieren, dazu war sie mit 48 wiederum … genau: zu jung. (Obwohl: Jetzt kommt wieder dieses „Diva“-Gequatsche, „Die letzte Soul-Diva“ und ähnliches… das ging mir aber schon auf die Nerven, als Whitney jung und erfolgreich war.) Stattdessen wird jetzt, Diva hin Diva her, jenes Liedchen gepfiffen, das schon zu Michael Jacksons Tod angestimmt wurde (und das vor 30 Jahren den Abgang von Elvis begleitete): Das Lied vom Showbiz-Opfer. Schema: Von bösen Eltern/Managern/Lebenspartnern gequält, vom Erfolg drogenabhängig geworden, ein einsamer trauriger Tod in Badewanne. Wie schreibt das Feuilleton: „…das typische Schicksal eines überragenden, aber frühzeitig ausgebrannten Entertainer-Talents“ (FAZ, 12.2.2012). Und im TV wird „Bodyguard“ wiederholt und im Radio „The greatest Love of all“ gedudelt…

Vielleicht ist diese Art des Nachtretens doch auch nur wieder eine Variante des Mythos: Die Geschichte von einer, die künstlerisch so frühzeitig gereift ist, daß ihre intellektuelle Entwicklung da nicht Schritt halten konnte … Whitney also doch gestorben als junge Frau (junges Mädchen) … wie der bis zuletzt kindliche Michael … trotz ihrer 48 Jahre? Und die Texte so lieblos, so distanziert mit spitzen Fingern, daß ich den Eindruck habe, sie wollten sich an Whitney rächen, dass sie nicht schon mit 27 gestorben ist…

Ich habe es satt, von „Pop-Ikonen“ oder anderen Abziehbildchen vorgeschwafelt zu bekommen, wann oder wie sie gestorben sind, und wie jung sie waren, und wie jung ich mich zu fühlen habe, weil doch irgendwie Rock und Jungsein zusammengehören… Oder ein tragischer, früher Tod… oder eben: „abgehalfterte Entertainer“. Über diesen Unsinn, der der Musikindustrie immer noch als verkaufsförderndes Argument dient, und der immer noch in den Feuilletons breitgetreten wird, könnte man doch längst hinweg sein. (Lawrence Grossberg hat sein „We gotta get out of this place“, seine Auseinandersetzung mit Aspekten der Funktionalisierbarkeit des Rock, schon 1992 veröffentlicht).

Das einzige, was ich sagen kann, ist: Schade, daß es Whitney Houston nicht mehr möglich ist, ihre Version von „Crossroads“ aufzunehmen. Das wäre gut geworden. In 10, 20 Jahren würde ich das gerne gehört haben.

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Nicht-Madonnen. Popanz Jungfräulichkeit.

Das intakte Hymen, eine vaginale Gewebefalte, ist anatomisch kein Anzeichen für „Jungfräulichkeit“, schreibt „der Freitag“ http://www.freitag.de/wissen/1149-nichts-zu-rei-en (7. Januar 2012). Es „reißt“ nicht, oder nur manchmal, es kann auch nach Geschlechtsverkehr oder sogar nach einer Geburt intakt bleiben, muß aber nicht, es kann bluten, muß aber nicht, auch der Schwanz kann bluten, muß aber nicht, so oder so oder auch anders. Jedenfalls ist das „Jungfernhäutchen“ ein Mythos, sagt uns die Wissenschaft, sagt uns „der Freitag“.

Ich war verblüfft. Offenbar bin auch ich dem Mythos auf den Leim gegangen. Zwar wußte ich, daß in Filmen/in der Literatur das Vortäuschen von Jungfräulichkeit ein Thema ist … das mit roter Tinte bearbeitete und nach der Hochzeitsnacht aus dem Fenster zu hissende Laken mit dem angeblichen Blutfleck als Beweis für die nunmehr beendete Jungfräulichkeit der Braut … das ist irgendwie unter dem Label „fake“ in mein Kunst-Unbewußtsein eingegangen.

Aber die Täuschung, so dachte ich immer, soll darüber hinwegtäuschen, daß die Frau in wirklichkeit gar keine Jungfrau mehr ist. Das Thema der vorgetäuschten Jungfräulichkeit/des künstlich rotgefärbten Lakens war in meinem Kopf immer mit dem Thema des „gehörnten Ehemanns“ verquickt. Jetzt sagt mir die Wissenschaft, daß mich mein Filmgedächtnis/Literaturgedächtnis trügt. Oder vielmehr nicht trügt, sondern aus zweiter Hand vernebelt wurde. Daß der Kunst-Topos „vorgetäuschte Jungfräulichkeit“ selbst einem Mythos aufsitzt, nämlich dem Mythos, daß es überhaupt einen blutigen Indikator dafür gebe, ob eine Frau Geschlechtsverkehr hatte oder nicht.

Aufgrund meiner Sozialisation war das Thema „Jungfräulichkeit“ für mich selbst nie von Interesse, außer eben als eines, daß in der Kunst vorkommt und über das man milde lächelt, als Reminiszenz an weniger aufgeklärte Zeiten, wo den Herren das noch wichtig war. Mit dem eigenen (Liebes-)Leben hatte das nie was zu tun. Aber es gibt ja andere, die nehmen das durchaus noch (oder wieder) sehr ernst. Es scheint Chirurgen zu geben, die mit Hantierungen, die sie „Hymenrekonstruktion“ oder „Revirgination“ nennen, Geld verdienen. Was machen die jetzt mit der wissenschaftlichen Erkenntnis, daß der Blutfleck auf dem Laken, selbst wenn er nicht aus Tinte ist, nichts beweist?

Wegdrücken, natürlich. Aber Susanne Donner, die Autorin vom „Freitag“, schreibt in die Richtung, daß damit dem Patriarchat die Begründung für eines seiner Kontroll- und Unterdrückungsinstrumente genommen sei. Sogar die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung will in Zukunft die Frohbotschaft verkünden… na viel Erfolg… Als wenn die Typen es jemals nötig gehabt hätten, „die Wissenschaft“ zu bemühen, wenn sie Frauen fertigmachen wollten… Daß „die Wissenschaft“ natürlich auch dazu taugt, hat damit gar nichts zu tun: Dem Arschloch sind alle Mittel recht. Zur Not wird eine Studie in Auftrag gegeben, die die medizinische Notwendigkeit der Revirgination „beweist“.

Die wissenschaftliche Erkenntnis, daß das Hymen kein anatomischer Indikator für „Unberührtheit“/“unbeflecktheit“ ist, führt, befürchte ich, kaum dazu, Männer davon abzubringen, Frauen mit dem Ansinnen der Virginität zu erpressen, oder Frauen dazu zu bringen, sich da nicht mehr erpressen zu lassen. Im Gegenteil, die Entlarvung der Jungfräulichkeit als Mythos dient wunderbar zur Widerbelebung jenes anderen Mythos von der unbefleckten Empfängnis … und damit zur Widerbelebung eines der langlebigsten Unterdrückungspopanze des Patriarchats. Mir schwebt schon die Nachricht im Osservatore Romano vor: Wissenschaftlicher Beweis für unbefleckte Empfängnis! Es ist anatomisch möglich, daß Maria ihren Sohn zur Welt brachte und ein intaktes Hymen behielt…
Einwand: „unbefleckte Empfängnis“, sagen „Linkskatholiken“, ist nicht wörtlich-anatomisch gemeint, sondern bezeichnet – im „übertragenen Sinne“ – den geistigen Zustand der „Unschuld“, die Besonderheit-Ausgezeichnetheit-Ausgewähltheit-Unerreichbarkeit Mariens… aber macht diese Ortsverlagerung der „Jungfräulichkeit“ von Unterleib zum Kopf irgendetwas besser? Vaginale Weltferne oder Zerebrale Weltferne, warum sollte ich irgendetwas davon als vorbildhaft anpreisen? Außer, ich will einen Teil der Menschheit kontrollieren … Kontrolle über ihr Sexualleben ausüben, Gedankenkontrolle…

Wissenschaftlicher Beweis für die Popanzhaftigkeit von Virginität … endlich! … aber es bringt nichts… was den Frauen, die sich zunähen lassen, aus Angst, ihren „guten Ruf“, ihr Leben zu verlieren, wenn das Blut in der Hochzeitsnacht nicht fließt, helfen könnte … ich weiß nicht … vielleicht das Kreieren neuer Bilder von Frauen, die nicht mehr Bettlaken mit Tinte bearbeiten, sondern über den Virgo-Quatsch lachen … von Frauen mit vaginaler und zerebraler Weltnähe … Bilder der Attraktivität von Nicht-Madonnen.

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Wulff im Fernsehinterview 4. Januar 2012

„Man hat dem Präsidentenamt sicher nicht gedient“ … Wir das Schnabeltier … man ist niemand … Wulff kann zugeben, Fehler gemacht zu haben, und deckt sie im selben Satz zu mit Hinweisen auf Dinge, die er richtig gemacht hat … auf „Bürger“, die ihn unterstützen … auf seine Bereitschaft, aus seinen Fehlern zu lernen … und auf die drohende Verschlechterung des politisch-gesellschaftlichen Klimas der Bundesrepublik, wenn Bundespräsidenten kein Privatleben mehr haben dürfen … und auf den Umstand, daß es sich bei seinen Fehlern um nichts Rechtswidriges gehandelt hat … und natürlich Jesus mit seinem „…der werfe den ersten Stein“ … Selbststilisierung als Opfer einer Meute mit Vernichtungswillen …

Dabei ist er sehr beherrscht, am Anfang etwas heiser, im Lauf des Interviews mit immer klarerer Stimme, er wird sicherer während er redet … ohne Gestikulation … die Unterarme auf dem Tisch festgenagelt … gute Tischmanieren … nur mit den Händen seine Sätze unterstützend … nicht mit dem belehrenden Zeigefinger, sondern mit dem erläuternden erhobenen Daumen des Verkäufers, der die zehn Alleinstellungsmerkmale seines Produktes aufzählt … aalglatt, beredt nichtssagend, Politprofi.

Ob Wulff zurücktritt oder nicht, ist völlig uninteressant, nach ihm wird ein neuer Politprofi oder ein neuer professioneller Verkäufer-von-irgendwas kommen … ein neuer Machtfreak, Manipulationsfreak.

Jede Gesellschaft hat die Repräsentanten, die sie verdient. Solange die politische Kaste sich den Primat des Politischen von der Wirtschaft vorgeben läßt, solange ist eine von Unternehmerfreunden dirigierte Marionette wie Wulff (seinen Kreditgeber bezeichnet er als „väterlichen Freund“) das passende Staatsoberhaupt. Die Gesellschaft der Weimarer Republik nahm Friedrich Ebert nicht ernst, also ließ der sich – völlig konsequent – mit Dickbauch und Ringelbadeanzug fotographieren. (Es ist eben gar keine neue Erscheinung, wie Wulf meint, daß die Journalisten im Privatleben der Politprominenz rumschnüffeln…)

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